Nehmen wir einmal an, in einem wichtigen Nachrichtenmagazin aus dem Norden oder in einer großen Zeitung aus Süddeutschland wäre morgen der folgende Satz eines indigenen Aktivisten aus der Amazonasregion zu lesen: “Es ist meine Pflicht, für mein Recht und Rechte aller Stämme am Amazonas einzustehen. Denn die Wahrheit ist doch, daß ich und wir alle, die wir für das Erbe und die Freiheit der Amazonasstämme einstehen, damit zugleich für die fundamentalsten Menschenrechte einstehen – für das Recht jedes Menschen, frei zu sein, frei zu sprechen und sich frei zu versammeln, für das Recht, unabhängig zu sein und nicht unter globaler Willkür zu leben, und für das Recht, die eigene Identität und den einzigartigen Ausdruck ihres Menschseins zu bewahren”. Wer würde das nicht unterschreiben?
Nehmen wir jetzt hingegen an, das Zitat wäre nicht im wichtigen Nachrichtenmagazin aus dem Norden oder in der großen Zeitung aus Süddeutschland zu lesen, sondern auf der Netzseite von David Duke. Und Duke würde hier nicht von den Amazonasstämmen sprechen, sondern von unserer europäischen Kultur – und der amerikanischen, die von Europa offenkundig nicht ganz unabhängig ist. Nehmen wir also an, das Zitat lautet: ”Es ist meine Pflicht, für mein Recht und Rechte aller Menschen in Europa einzustehen. Denn die Wahrheit ist doch, daß ich und wir alle, die wir für das Erbe und die Freiheit der europäischen und amerikanischen Menschen einstehen, damit zugleich für die fundamentalsten Menschenrechte einstehen – für das Recht jedes Menschen, frei zu sein, frei zu sprechen und sich frei zu versammeln, für das Recht, unabhängig zu sein und nicht unter globaler Willkür zu leben, und für das Recht, die eigene Identität und den einzigartigen Ausdruck ihres Menschseins zu bewahren”.
Natürlich käme sofort der Einwand, man könne die Situation indigener Amazonasstämme nicht einfach mit dem reichen Europa gleichsetzen. Trägt dieser Einwand? Oder gibt es bei allen Unterschieden nicht doch ein Scharnier, das die Verhältnisse verbindet?
Kein vernünftiger Mensch bestreitet, daß die Stämme am Amazonas unter einer barbarischen Verdrängung leiden, die mitunter einem Genozid gleichkommt und die stets den wirtschaftlichen Interessen des Großkapitals geschuldet ist. Das ist Fakt. Und es würde keinesfalls wundern, wenn an den Börsen nicht nur mit dem wirtschaftlichen Nutzwert des Regenwaldes jongliert, sondern auch darauf spekuliert und gewettet wird, wie lange Mutter Natur dort noch durchhält – eine Vermutung zwar, aber keineswegs eine abwegige, schließlich kann man heute an den Finanzmärkten (und das ist Tatsache, keine Vermutung) darauf Geld verwetten, wann und wo das nächste große Erdbeben stattfindet. Doch zurück von dieser Perversion zum eigentlichen Thema.
Die Plünderung der europäischen und amerikanischen Völker, die Vernichtung ihrer Identität und ihres Erbes geht sublimer über die Bühne. Hier stürmen keine Söldner und Milizionäre mit Macheten auf die Menschen, um sie – sinnbildlich wie real – in ein Reservat unter die Fuchtel der Globalisierung zu treiben. Hier kommen die Häscher in weißen Handschuhen daher, doch das Ergebnis ist das gleiche: Die Arbeitswelt, nur ein Beispiel, kennt keine Arbeiter und Angestellten mehr, von Betriebsangehörigen oder gar Kollegen ganz zu schweigen, sondern vor allem “human ressources”, was sich durchaus auch mit “Menschenmaterial” übersetzen läßt. Stört das Material, wird es ausgelagert.
Eine verfehlte Einwanderungspolitik, noch ein Beispiel, drückt die Löhne, zieht Bildungsstandards nach unten, macht die Straßen unsicher und entwurzelt die Menschen, zugewanderte wie einheimische: “Die Fremde, die in die Heimat kommt, macht sich selbst nicht heimisch, die Heimat aber fremd” wußte bereits der Schriftsteller Franz Werfel, ein gewiß unverdächtiger Gewährsmann.
Man muß nur den Blick von den glitzernden Fassaden in den Städten abwenden, von jenem faulen Budenzauber, dem man in Berlin und Paris und Mailand und Prag und Vilnius ebenso begegnet wie in Shanghai und New York und Johannesburg und Istanbul und Dubai, weil überall die Gleichen die Strippen ziehen: Jene, die sich eine goldene Nase verdienen, wenn überall der gleiche sinnresistente Singsang intoniert, überall die gleichen Fladenbrote verfüttert, überall derselbe Mist verzapft und jede individuelle Kulturäußerung eines Volkes durch das alle gewachsene Vielfalt plattwalzende Konzept einer – der Name ist Lüge – “Multikultur” ersetzt wird. Die punktuellen Phänomene und Methoden mögen sehr verschieden sein, aber Ziel, Absichten und Prinzip sind immer dieselben, in Europa wie am Amazonas.
Vom Amazonas direkt an den Rhein: Nicht einmal “das Recht jedes Menschen, frei zu sein, frei zu sprechen und sich frei zu versammeln” (Duke) ist in Europa mehr gewährleistet. Am Freitag sollte David Duke in Köln im Rahmen einer privaten Veranstaltung nationaler Kräfte sprechen. Vertreter der aktuellen Staatsgewalt wußten dies zu verhindern, unterbanden den Vortrag und schafften Duke mit Rekurs auf eine rechtlich fragwürdige Regelung außer Landes - einen in seiner Heimat heute renommierten und geachteten politischen Vordenker, der es immerhin bereits auf den Titel des “Time Magazin” gebracht hatte und den ein ansehnlicher Teil der konservativen amerikanischen Tea-Party gerne als Präsidentschaftskandidaten sehen würde.